Wissenschaft. Ethik. Klinik. – Integrative Medizin im Wandel
Die Jubiläumstagung 2026 zum 75-jährigen Bestehen der DÄGfA war weit mehr als eine Festveranstaltung. Sie war Ausdruck eines lebendigen Aufbruchs, ein Forum für Innovation, Dialog und gemeinsames Weiterdenken.
Mit einem neuen, interaktiven Tagungsformat ist es gelungen, Menschen, Ideen und Perspektiven auf besondere Weise zusammenzubringen. Die große Resonanz, die aktive Beteiligung und die spürbare Begeisterung der Teilnehmenden machten deutlich: Dieses Format hat den Nerv der Zeit getroffen.
Die Jubiläumstagung 2026 zum 75-jährigen Bestehen der DÄGfA war weit mehr als eine Festveranstaltung. Sie war Ausdruck eines lebendigen Aufbruchs, ein Forum für Innovation, Dialog und gemeinsames Weiterdenken.
Mit einem neuen, interaktiven Tagungsformat ist es gelungen, Menschen, Ideen und Perspektiven auf besondere Weise zusammenzubringen. Die große Resonanz, die aktive Beteiligung und die spürbare Begeisterung der Teilnehmenden machten deutlich: Dieses Format hat den Nerv der Zeit getroffen.
Über denTag hinweg entstand eine Atmosphäre, die von Offenheit, gegenseitiger Wertschätzung und echter Begegnung geprägt war. Wissenschaftliche Exzellenz traf auf klinische Erfahrung, ethische Reflexion auf praktische Anwendung, Tradition auf Zukunftsgestaltung.
Unter dem Motto „Integrative Medizin im Wandel“ vereinte sie Pioniere, Wissenschaftler und Praktiker, um eine klare Botschaft zu senden:
Die Medizin von morgen braucht mehr als Technologie – sie braucht Menschlichkeit, Ganzheitlichkeit und Mut zur Veränderung.
Die DÄGfA zeigte eindrucksvoll, wie Integrative Medizin Brücken baut – zwischen Disziplinen, Generationen und Denkweisen.
Integrative Medizin als Zukunftsauftrag
Den Auftakt gestaltete die vielbeachtete Keynote von Prof. Dr. med. Giovanni Maio. Unter dem Titel „Warum unser Gesundheitssystem die Integrative Medizin braucht“ entwickelte Maio ein eindrucksvolles Plädoyer für eine Medizin, die den Menschen in seiner Ganzheit wahrnimmt.
Ärztliche Behandlung, so seine zentrale Botschaft, könne nur gelingen, wenn sie den Gesamtzusammenhang des Patienten erfasse. Gefordert sei ein multiperspektivisches Denken, das Vielschichtigkeit zulässt, Komplexität in der Wahrnehmung nicht reduziert, sondern zu einem Verstehen der individuellen Patientensituation integriert.
Ärztliche Kompetenz bedeute letztlich die Fähigkeit zur Komplexitätsbewältigung – getragen von wissenschaftlichem Wissen ebenso wie von hermeneutischem Verstehen und situativer Wahrnehmung.
Giovanni Maio verwendete damit den Begriff der Integrativen Medizin nicht so sehr als eine additive Verwendung unterschiedlicher Medizinsysteme sondern als einen zusammenführenden inneren Prozess auf Seiten der therapeutisch tätigen Kolleginnen und Kollegen.
Mit großer Klarheit und rhetorischer Brillanz erinnerte Maio daran, dass Medizin immer mehr sein müsse als die Anwendung naturwissenschaftlicher Fakten. Sie sei vor allem Beziehung, Begegnung und Verstehen.
Seine Gedanken bildeten den idealen Auftakt für eine Tagung, die den Dialog zwischen Wissenschaftlichkeit und Menschlichkeit in den Mittelpunkt stellte.
„Jeder Patient ist auf seine eigene Weise krank. Verstehen wir das nicht, behandeln wir nur Symptome – nicht Menschen.“
Fishbowl: Kontroverse, Offenheit und gelebter Diskurs
Wie viel Raum hat die ärztliche Akupunktur im heutigen Klinikalltag – und welchen Raum sollte sie haben?
Die Frage stand im Zentrum der Fishbowl-Diskussion „Ärztliche Akupunktur heute – ethische Medizin im Klinikalltag?“ und Maios Appell, ärztliches Handeln vor wirtschaftliche Interessen zu stellen, löste eine begeisterte Fishbowl-Diskussion mit Dr. Kevin Hua, Dr. Tom Ots und Raymund Pothmann, sowie weiteren Beiträgen aus dem Auditorium aus.
Das interaktive Format entwickelte sich zu einem der lebendigsten Programmpunkte der Tagung.
Zwischen Leitlinienmedizin, ökonomischem Druck und patientenzentriertem Anspruch wurden unterschiedliche Positionen sichtbar gemacht und kontrovers diskutiert.
Besonders beeindruckend war die Offenheit, mit der Erfahrungen, Zweifel, Überzeugungen und Zukunftsvisionen geteilt wurden.
Statt einfacher Antworten entstanden differenzierte Perspektiven auf die Rolle der Akupunktur im modernen Gesundheitssystem. Die Teilnehmenden waren nicht nur Zuhörende, sondern aktive Mitgestalter des Diskurses – ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie Dialog auf Augenhöhe gelingen kann.
„Wir müssen aufhören, Medizin als mechanistischen Reparaturbetrieb zu betrachten. Sie ist Begegnung.“
Lightning Talks: Vielfalt, Tempo und Inspiration
Ein besonderes Highlight des neuen Tagungskonzepts waren die Lightning Talks.
In kurzen, prägnanten Beiträgen wurde die beeindruckende Vielfalt ärztlicher Akupunktur sichtbar. Klinische Erfahrungen, wissenschaftliche Erkenntnisse, historische Perspektiven und persönliche Zugänge wechselten sich in rascher Folge ab und erzeugten eine Dynamik, die das Publikum von Beginn an fesselte.
- Dr. med. Hans Ogal ehrte Toshikatsu Yamamoto, den Begründer der YNSA (Yamamoto New Scalp Acupuncture) – ein Meilenstein der modernen Akupunktur.
- Dr. phil. Ute Engelhardt: Historischer Rückblick auf die Beziehungen zwischen der Internationalen Gesellschaft für chinesische Medizin (SMS) und der DÄGfA seit den 1970er-Jahren.
- Dr. med. Cornelia Boettcher zeigte, wie Akupunktur von der Nische zur Selbstverständlichkeit wurde:
„Heute wissen fast alle, was Akupunktur ist – und viele haben sie schon erlebt.“ - Dr. med. Leonie Rackelmann teilte, wie Akupunktur sie als junge Ärztin verändert hat:
„Sie hat mir beigebracht, Patient:innen anders zuzuhören – und auf mich selbst zu achten.“ - Prof. Dr. med. Taras Usichenko demonstrierte, wie Akupunktur im Klinikalltag (Onkologie, Palliativmedizin, Kreißsaal) Linderung und Wohlbefinden schafft.
„Akupunktur ist kein Werkzeug – sie ist ein Werkzeugkoffer.“
Die Lightning Talks standen exemplarisch für das Selbstverständnis der DÄGfA: Vielfalt nicht als Gegensatz, sondern als Bereicherung zu verstehen. Unterschiedliche Perspektiven ergänzten sich, regten zum Nachdenken an und eröffneten neue Blickwinkel für die eigene Praxis.
Essen und Begegnung
Auch abseits der Vorträge und Diskussionsrunden bot die Jubiläumstagung Raum für das, was die DÄGfA seit jeher auszeichnet: Begegnung und Gemeinschaft. Im idyllischen Innenhof von Kloster Banz luden liebevoll ausgewählte Foodtrucks zum Verweilen, Genießen und Austauschen ein.
Von Resilienz zu den Future Skills
Mit seiner inspirierenden Keynote „Integrative Medizin, Ressourcenaktivierung und Selbstregulation: Von der Resilienz zu den Future Skills“ eröffnete Prof. Dr. phil. Dr. habil. med. Niko Kohls einen faszinierenden Blick auf die Zukunft der Medizin.
Integrative Medizin, so Kohls, sei seit jeher mehr als Krankheitsbehandlung. Sie fördere Ressourcen, unterstütze Selbstregulation und stärke die im Menschen angelegten Entwicklungspotenziale. Gerade in einer Zeit zunehmender Unsicherheit, Beschleunigung und Komplexität gewinne diese Perspektive neue Bedeutung.
Während Resilienz die Fähigkeit beschreibt, Belastungen zu bewältigen, richten Future Skills den Blick auf Kompetenzen, die Menschen in einer offenen Zukunft benötigen: Achtsamkeit, Selbstfürsorge, Ambiguitätstoleranz, Courage, Resonanzfähigkeit, Verkörperung und Sinnorientierung.
Besonders eindrucksvoll gelang Kohls die Verbindung dieser Zukunftskompetenzen mit der Akupunktur. Sie könne als regulationsförderndes Verfahren verstanden werden, das den Zugang zu Selbstwahrnehmung, innerer Balance und Entwicklungsfähigkeit unterstützt. Damit leiste Integrative Medizin einen wichtigen Beitrag zu einer Medizin, die Menschen nicht nur behandelt, sondern in ihrer Regulations- und Entwicklungsfähigkeit stärkt.
Wow-Moment: Kohls’ Plädoyer für „Bounce Forward“ (nicht nur zurück zum Status quo, sondern weiterentwickeln) elektrisierte das Publikum.
„Akupunktur ist kein Heilmittel. Sie ist ein Schlüssel, der Türen zu innerer Balance und Entwicklungsfähigkeit öffnet.“
Die Polyvagaltheorie als klinischer Kompass – Warum Vertrauen heilt
Ein weiterer Höhepunkt war die Keynote von Dr. med. Miriam Ventocilla.
Unter dem Titel „Die Polyvagaltheorie als klinischer Kompass integrativer Medizin“ erläuterte sie die neurobiologischen Grundlagen von Vertrauen, Sicherheit und therapeutischer Beziehung.
Ausgehend von der Polyvagaltheorie nach Stephen Porges zeigte sie auf, wie eng Therapieerfolg mit den Regulationszuständen des autonomen Nervensystems verbunden ist. Symptome erscheinen aus dieser Perspektive nicht nur als Krankheitszeichen, sondern auch als Ausdruck eines bestimmten Regulationszustandes.
Besonders eindrucksvoll war ihre Darstellung der Bedeutung von Eigenregulation und Co-Regulation. Fachliche Kompetenz bleibt unverzichtbare Grundlage ärztlichen Handelns – zugleich wird jedoch deutlich, dass die Qualität therapeutischer Beziehungen wesentlich von Präsenz, Sicherheit und innerer Stabilität abhängt.
Damit rückte eine zentrale Frage in den Fokus: Wie können Ärztinnen und Ärzte unter den Bedingungen von Zeitdruck, ökonomischen Anforderungen und komplexen Strukturen selbst reguliert bleiben und dadurch heilsame Beziehungen ermöglichen?
Die Antwort lag in einer Medizin, die die eigene Regulationsfähigkeit nicht als Nebenaspekt betrachtet, sondern als wesentliche klinische Kompetenz versteht.
Wow-Moment: Die Erkenntnis, dass Eigenregulation der Ärzt:innen keine Soft Skill ist, sondern eine klinische Notwendigkeit. „Nur wer selbst im ventral-vagalen Zustand der Sicherheit ist, kann Co-Regulation beim Patienten auslösen.“
„Medizin ist Neurozeption: Der Körper spürt, ob wir wirklich zuhören – oder nur behandeln.“
World Café – „Drei Zeiten – Drei Perspektiven“
Im interaktiven World Café diskutierten die Teilnehmer:innen in wechselnden Gruppen über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Integrativen Medizin.
Wow-Moment: Die Erkenntnis, dass Veränderung nur gelingt, wenn wir Zeit nehmen – für Austausch, Reflexion und gemeinsames Weiterdenken.
„Die Zukunft der Medizin muss den Patienten in den Mittelpunkt stellen, nicht die Erkrankung.“
Ein Tagungsformat, das Zukunft gestaltet
Die Jubiläumstagung 2026 war geprägt von einem neuen Geist des Miteinanders. Fishbowl-Diskussionen, Lightning Talks, Keynotes und Begegnungsräume ermöglichten nicht nur Wissensvermittlung, sondern echten Austausch. Das neue Format schuf eine Atmosphäre, in der unterschiedliche Sichtweisen willkommen waren, kontroverse Themen konstruktiv diskutiert werden konnten und neue Ideen entstanden.
Die Begeisterung der Teilnehmenden war während der gesamten Tagung spürbar. Immer wieder wurde deutlich, wie groß das Bedürfnis nach Dialog, Vernetzung und gemeinsamer Weiterentwicklung ist.
Aufbruch in die nächsten 75 Jahre
Die Jubiläumstagung hat eindrucksvoll gezeigt, wofür die DÄGfA steht: für wissenschaftliche Fundierung und klinische Relevanz, für ethische Verantwortung und Menschlichkeit, für Offenheit, Innovation und Gemeinschaft.
Sie hat nicht nur 75 Jahre Geschichte gewürdigt, sondern vor allem den Blick nach vorne gerichtet. Die zahlreichen Impulse, Begegnungen und Diskussionen machten deutlich, dass Integrative Medizin heute aktueller ist denn je.
Mit Mut zur Innovation, Freude am Dialog und einer starken Gemeinschaft hat die DÄGfA auf dieser Tagung gezeigt, wie Zukunft gestaltet werden kann – gemeinsam, lebendig und voller Zuversicht. Die Weichen für die nächsten 75 Jahre sind gestellt.
„Integrative Medizin ist kein Gegenentwurf zur Schulmedizin. Sie ist deren Vollendung.“
Ein Geschenk an die Mitglieder: Die Botschaft zum Mitnehmen
Liebe Mitglieder der DÄGfA,
diese Tagung hat gezeigt: Ihr seid Teil einer Bewegung, die die Medizin verändert. Eine Bewegung, die Wissenschaft mit Menschlichkeit verbindet, Tradition mit Innovation vereint und Patient:innen in den Mittelpunkt stellt.
Die Graphik und dieser Bericht sind nicht nur eine Dokumentation – sie sind eine Einladung:
Bleibt neugierig – wie Toshikatsu Yamamoto.
Hört zu – wie Giovanni Maio es fordert.
Entwickelt euch weiter – wie Niko Kohls es vorschlägt.
Vertraut – wie Miriam Ventocilla es erklärt.
Die Zukunft der Medizin beginnt jetzt. Und sie beginnt mit euch.
Mit herzlichen Grüßen und einem großen Dank an alle, die diese Tagung möglich gemacht haben,
Ihr Team des Wissenschaftszentrums und der Deutschen Ärztegesellschaft für Akupunktur
P.S.: Die graphische Zusammenfassung steht Ihnen als Inspiration und Erinnerung zur Verfügung – ein visuelles Manifest für eine Medizin, die mehr ist als die Summe ihrer Teile.